Spielbericht FC Ingolstadt 04 – SV Darmstadt 1898

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Ein offener Brief an …

Ja, hmmm was ist eigentlich ein offener Brief und hat ein solcher Brief denn dann einen Inhalt, einen Adressaten, oder…?

Neben dem Gedanken „wenn ich da uff de Bangg hogge deed…“ und dem weiterführenden „dann wär Schluss mit loggerem auslaufe Morrsche um zehn – ich würdd jeddz noch e Umfraach mache unn die Kerrle bei jedem der heud in Ingollschdadd war unn moije in die Frühschischdd muss middschigge“, kommt dir auf der Rückfahrt nach dieser „Leistung“ auch irgendwie schon in den Gesprächen mit den Mitfahrenden der Gedanke, die Jungs mal wieder irgendwie anzusprechen.

Nein, wir müssen nicht über Löcher im Rasen oder geforderte Trikots reden, aber wir sollten auch mal langsam aufhören, den Pinguin im Delfinarium nach dem fütternden Fisch-Wurf des Wärters zu machen und alles und jeden zu beklatschen. Wenn sich eine der „großen zwei“ nach der Wahl vom letzten Sonntag hinstellt und von „87%“ erzählt, „die die AfD nicht gewählt haben“, dann ist das zumindest in meinen Augen ebenso vor der Wahrheit verschlossen, dass eben beispielsweise auch „76% nicht die SPD oder 66% nicht CDU…“, wie wenn ich mich jetzt hinstelle und von den nächsten zwei Wochen erzähle, in denen „wir im Training die Fehler…“ – denn, ganz ehrlich, wenn man jede Woche von Dingen hört, die man „im Training angehen und verändern muss“, dann frage zumindest ich mich, was denn da die ganze Zeit im Training so passiert. Schließlich sind wir vor dem zehnten Spieltag, hatten dazwischen Länderspielpause und mit dem Training ja auch schon etwas vor Saisonbeginn begonnen.

„Wuschel, bleib ruhig, das wird schon“ – Leute, ihr wollt mich nicht erleben, wenn ich nicht ruhig bin, da fällt mir dann doch mehr ein, als sachlich an den Freitag zu gehen.

Wir sollten mal nicht vergessen, die armen Herren Profis, die ja laut eines früheren Stürmers unserer Lilien so schlecht bezahlt sind und deren Privatleben und Freizeit ja oft ach so leiden, wurden bereits Donnerstag ins 350km entfernte Ingolstadt gekarrt und werden auch dort bestimmt weder im Zelt geschlafen noch auf einem Acker trainiert haben. Diese armen, denen vor lauter Training dann aber doch immer noch in einigen Fällen genug Zeit bleibt, ihr komplettes Leben zu virtualisieren. Es ist mir ehrlich gesagt völlig bumms, wann ihr wo mit wem Essen geht, ob ihr segelt, Ski fahrt, Motorrad fahrt etc. – nur wenn ihr jeden Schnipsel vom Bootsführerschein bis zum Besuch bei einem Fußballspiel anderer Vereine mit anschließendem Ausklingen auf irgendeinem Kanal postet, dann kommt der Kram eben auch ins Netz und fliegt einem vielleicht nach einer nicht vorhanden Leistung um die Ohren.

Wo war denn am Freitag bitte der viel beschworene Kampf- und Teamgeist? Ja! Fußball ist ein Mannschaftssport, aber eine Mannschaft, ein Team, ein „einer für alle, alle für einen“ hab ich am Freitag mal null bis weniger gesehen: Wenn – Betonung auf wenn – wir mal in Ballbesitz waren, wo war denn dann der, der sich angeboten hat für‘s Abspiel, der der auch mal zu Hilfe für den Mitspieler kam? In meiner Wahrnehmung – und aus einigen Gesprächen seit Freitag weiß ich darum, hier nicht der einzige zu sein – gab es diesen Mitspieler und dieses Füreinander eben nicht.

Ebenso wenig wie den Kampfgeist. Dieses „schreibt uns erst ab, wenn wir unter der Dusche…“ gibt es nicht mehr. Fußball ist ein Wettkampfsport, aber vom Kampf um den Ball… – nööööööö, da darf der Gegner bei noch 18 Minuten Spielzeit und Führung hinten quer schieben, ohne dass mal einer zum Ball geht, stattdessen aber spielt man in den ersten Minuten des Spiels bei eigenem Ballbesitz hinten quer statt nach vorne zu drängen – von der Körpersprache mal nicht zu reden. So macht man vermeintlich Schwächere stark, baut andere wieder auf – hat ja schon letzte Saison mit HSV und eben auch Ingolstadt ganz gut geklappt, Sarkasmus aus.

Dafür fährst du dann an diesem Freitag um zwölf von der Arbeit weg, bist um eins in Darmstadt, triffst dich mit den anderen Opfern aus Reihe sieben und den Mates und lässt dich 350 km durch Staus und übers Land, um selbige zu umgehen, kutschieren und bist einer von vielleicht 400, denen es ähnlich geht. Die sich im Block einfinden und trotz Wind, Wetter und überhaupt alles geben, um die Jungs in Ihren Farben auf diesem Platz in Ingolstadt zu unterstützen.

Und warum genau du das immer und immer wieder tust, hmmm „Mitte Mai, ich überleg nicht lange, stehe wieder mal weit vorne in der Dauerkarten Schlange, vielleicht hatte Hornby in Fever Pitch Recht – Rationalität und Fans das passt schlecht“.

Es war in jedem Fall ein restlos gebrauchter Tag, hoffen wir, dass wir alle in den nächsten zwei Wochen genug Zeit im Training, auf der Arbeit, in der Uni oder wo auch immer, finden, um alles daran zu setzen, die Tage-Kiste aufzuräumen.

Muss ja auch was zusammenkommen, um dann für Düsseldorf das Zeitkonto wieder angreifen zu können …

Aber nicht vergessen – davor ist noch Heimspiel!!!

Autor: Wuschel