Wenn Dir das alles… – unterhalten sich zwei Planeten

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Es war erneut ein Heimspiel gegen Schalke – und irgendwie doch kein Zufall, dass Wuschel sich für den Vor- und für den Spielbericht eingetragen hat. Wie es ihm am Ostersonntag im Stadion erging, lest Ihr hier:

Ich möchte mich in die Ecke verkriechen
aber hilft nicht
Ich könnte den ganzen Tag nur noch schreien
aber Nein
Da hilft nichts auf der Welt,
wenn dir ___ auf den Geist fällt
wenn dir ___ auf den Geist fällt

Wir waren verliebt
Kam mir so vor
Und jetzt ist alles
So lange her
Die Nacht vorbei
Der Kiez gefegt
Und alles schleicht
Was sich bewegt

Ja, ich weiß wie das oben weitergeht… Sagt der eine: „Hey, Du siehst krank aus!“ – Darauf der andere: „Ja, ich habe Mensch!!!“ und – nein, die Textzeilen sind nicht von mir, sondern aus einem Song der Hamburger Band „Die Sterne“.

Tja, und was das alles jetzt mit dem Spiel gegen Schalke zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn schon im Vorbericht hat sich ja für die eine und den anderen meiner LeserInnen angedeutet, dass auch das keiner der üblichen „wir hatten 56% Ballbesitz bei 45:24 Zweikämpfen“-Berichte werden würde.

Der Tag fing eigentlich ganz gut an, und so holte ich nach ausgiebigem Frühstück erst mal Klausi ab, um mit ihm zum Treffpunkt zu fahren. Wie immer also das Auto im Stadion geparkt, Zeug rein gebracht und kurz den Herren „Hallo“ gesagt, die heute mit dem Aufbau der Choreo beschäftigt waren. Dann ging‘s auch schon in die Stadt, wo am Treff zunächst die ersten Üblichen begrüßt wurden und der Haufen nach und nach eintrudelte. Wieder einmal sehr gute Gespräche über dies und das, selles und jenes mit der Gazelle und dem Kleinen, während Sohnemann seinen Kaba schlürfte. Hoch ins Stadion, rein gehen, aufbauen. Ich weiß nicht, warum und was mich da geritten hatte, aber auf die Frage: „Unn, Wuschel, was gidds heid?“ kam meist: „Isch erwadd nur, die neunzisch Minudde kombledd zu säje“. Manchmal wäre es besser die Fresse zu halten…

Im Innenraum am Gästeblock ein kurzer Wortwechsel mit einem Mitglied der aktiven Fanszene des heutigen Gegners. Ich bin kein Freund großer und langer Worte, aber ich wollte mich für das Schweigen aus dem letzten Aufeinandertreffen unserer Vereine einfach nur bedanken.
– „Eyyy das sollte doch selbstverständlich sein, wenn da jemand um sein Leben kämpft, gibt es Wichtigeres als Fußball!“.
– „Das siehst Du, das seht Ihr, das sehe ich so, aber für mich ist es auch eine Selbstverständlichkeit, wenn ich eine solche Solidarität erfahre, eine solche große Geste wahrnehme, dass ich demjenigen dies ein Stück weit mit Dank zurückgebe…“

Das Spiel beginnt und noch ist alles gut. Plötzlich wird es sogar besser, die Lilien führen durch ein Tor von Mario Vrancic mit 1:0. Es scheint so, dass jetzt, wo es faktisch um wirklich nichts mehr geht, der Druck raus ist und die Jungs wieder wirklich kämpfen, sich zumindest ordentlich verabschieden wollen. Aber seien wir ganz ehrlich – ohne Bruno, der heute mal wieder „Teufelskerltag“ hatte, hätten wir zur Halbzeit auch 0:4 hinten liegen und die Schalker der Symbolik ihrer Jahreszahl alle Ehre machen können. War aber nicht, heute hatten wir Glück und Bruno sogar nen Elfer gefischt. Immer noch 1:0 – UND DANN? – und dann passiert, was sich niemand wünscht:

– „Scheiße, was ist da im F?“
– „Ruhig Wuschel“
– „Scheiße, warum sind da die Sanis drin?“

Du registrierst, dass da was nicht stimmt, die Vorsänger, der Rest des Haufens, die Schalker, ein Großteil der Fans im Stadion können sehen, dass das da drüben im E, oder F, egal, auf der Haupt, etwas Ernstes ist. Einer der Momente, eine der Situationen, die zu jeder Zeit und an jedem Ort auftreten können, die aber sehr bewusst aufzeigen, wie schnell ein Drama in einen solchen Moment kommen und alles andere banal erscheinen lassen kann. Ab dem Moment läuft das Spiel an mir vorbei. Schippo ist auf dem Platz? Wir haben ein Gegentor kassiert? – Gar nicht gemerkt. Erinnerungen werden wach…

Erinnerungen, zum Januar 2016, Erinnerungen und auch Parallelen – denn wie damals gab es auch heute wieder zwei Einsätze für die ehrenamtlichen Helfer und wie damals hat man glücklicherweise vom ersten Einsatz nichts mitbekommen – glücklicherweise deshalb, weil er wohl glimpflich ausging und es dem Patienten vermutlich noch vor Ort besser ging. Auch Dir von ganzem Herzen gute Besserung!!!

Und dann kommt der Moment, der mich jetzt noch sauer macht und für den ich vermutlich irgendwann Stadionverbot kassiere! Weil ich nie verstehen werde, dass es Menschen gibt, die die Empathie und das Taktgefühl gusseiserner Bratpfannen haben! Da kämpft ein Mensch, da kämpft das DRK – wohlgemerkt Leute, die das beispielsweise während ihrer vier freien Tage im Rettungsdienst, während ihres Wochenendes, im Urlaub, etc. ehrenamtlich machen – um ein Leben. Und Ihr, gerade oft die, die sonst während des Spiels den Mund gar nicht aufbekommen, habt nichts Besseres zu tun als jetzt zu singen. Mir fehlen da echt die Worte, und so kann und will ich einen Sieg nicht genießen. „Gegen Darmstadt kann man mal verlieren“ – einen Scheiß, Leute!!! Man kann manchmal auch einfach nur mal den Mund halten.

Und wenn ich dann noch mit „Leute bitte, aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man da auf der Trage zwar null mitbekommt, aber diese Geste, dieses Schweigen, diese Solidarität vor allem nach dem Aufwachen Auftrieb geben“ einen Gefühlsstrip hinlege und „Komm spiel Dich nicht so auf“ zu hören bekomme, und in den Tagen danach in allen Situationen, in denen dieses Verhalten – von wem auch immer – im Netz kritisiert wurde, in der Folge keine Einsicht, sondern „Ultra-Bashing“ lese, dann wünsch ich mich echt nach Reutlingen, Pfullendorf, Memmingen und in Heimspiele gegen Großbardorf und Griesheim vor 2000 Zuschauern zurück… Denn in meiner Erinnerung scheint es diese fehlende Empathie und den fehlenden Respekt füreinander in den „dunklen Jahren“ nicht gegeben zu haben. Im Gegenteil, ohne den Zusammenhalt hätten wir eine Insolvenz nie abgwendet…

Gute Besserung und schön zu hören, dass es Dir wohl schon besser geht!

Autor: Wuschel

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