Unser Fußball verträgt kein Red Bull

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Nachdem RB Leipzig es im vergangenen Sommer nun doch geschafft hat in die erste Liga aufzusteigen, kommt es am Samstag zum ersten Aufeinandertreffen unserer Lilien mit besagten Verein. Im Zuge des Aufstiegs gab es natürlich auch nochmal einen Anstieg der Berichterstattung und Diskussionen rund um das Thema „Red Bull“ und seine Tätigkeiten sowie deren Konsequenzen für den Fußball. Darunter vor allem Kritik und Vorwürfe, aber doch auch vermehrt beschwichtigende Worte oder positive Stimmen und Beiträge von verschiedenen Seiten.

Besonders in letzter Zeit mit den Erfolgen von RB Leipzig sieht man sich in der Berichterstattung – zumindest gefühlt – vermehrt mit positiven Sichtweisen zu diesem „Projekt“ konfrontiert. Funktionäre verschiedener Vereine beschwichtigen in der Diskussion. Da wird gesagt, dass auch „andere Meinungen toleriert werden sollten“ oder RB Leipzig als positive Entwicklung bezeichnet. Immer wieder angeführt wird, dass die Region Leipzig vom Verein profitiert und sich die Leute dort darüber freuen oder es wird in Bezug auf die Kritiker von Neid und dessen Projektion auf Vereine mit mehr Geld gesprochen. Ansonsten wird auch mal die wahrscheinlich über Kurz oder Lang durch RB Leipzig entstehende „neue Spannung“ in der Liga genannt oder es wird einfach auf andere Vereine, bei denen Investoren viel Geld geben und eine wichtige Rolle spielen verwiesen. Insgesamt wird also über alle möglichen Aspekte diskutiert, deshalb soll an dieser Stelle einmal der Versuch stattfinden, einen Überblick über die verschiedenen Punkte der Diskussion zu schaffen. Was sind die häufigsten Kritikpunkte und was könnten positive Argumente für Vereine wie RB Leipzig sein?

Ein besonders oft angeführtes Argument ist die positive Wirkung des Vereins für die Region Leipzig. Seit Jahren gab es keinen Bundesligaverein von dort und in der Bevölkerung herrscht demnach eine Sehnsucht nach Bundesligafußball. Der Osten hinkt im Fußball dem Westen hinterher. So war es wohl eine politisch kluge Entscheidung von Red Bull sich, nach einigen Absagen aus anderen Regionen, Leipzig als Standort für die Gründung eines Fußballvereins in Deutschland auszusuchen. Bedingt durch die im Osten vergleichsweise schlechtere Wirtschaftslage fehlt es vor Ort an größeren Sponsoren und Unternehmen, die Vereine in großem Maß unterstützen könnten. So erscheint es unwahrscheinlich, dass ein Verein aus dieser Region ganz aus eigener Kraft langfristig Anschluss an die großen Bundesligavereine finden kann. Der Standort Leipzig ist günstig gewählt, der Verein spricht ein großes Einzugsgebiet an, in dem es viele Menschen gibt, die Lust auf Bundesligafußball haben. RB Leipzig liefert diesen, als großes Event und, wie man oft im Zusammenhang mit einem Verweis auf die Konkurrenten aus der Region und Probleme mit Gewalt bei anderen Vereinen betont, auch als ein „Familienprodukt“. Der Zuschauerandrang gibt ihnen dabei Recht: in der zweiten Liga befanden die Leipziger sich da schon unter den Top-3 der Tabelle und in der Bundesliga strömen natürlich noch mehr Zuschauer ins Stadion. Auch bei uns in Darmstadt hat sich ja gezeigt, dass erfolgreicher Fußball ein Zuschauermagnet ist, sichtbar etwa als sich mit dem Aufstieg in Liga 2 der Schnitt verdoppelt hat und deutlich zu erkennen an der Länge der Schlangen vor den Kassenhäuschen vor sämtlichen freien Kartenverkäufen.

Fußball ist als über die Maße populäre Sportart schon lange in der breiten Mitte der Gesellschaft angekommen und begeistert überall die Massen. RB Leipzig liefert den Menschen in einer Region, die lange ohne auskommen musste jetzt die Möglichkeit, ganz in ihrer Nähe Bundesligafußball erleben zu können und das wird natürlich angenommen. Hier stellen sich aber auch verschiedene Fragen. Was ist mit den anderen Vereinen aus der Region? Kritiker führen an, dass der Aufstieg von RB Leipzig ihnen schadet, die Vereine selbst beklagen sich seit Jahren etwa über das Abwerben von Jugendspielern.

Das führt auch direkt zu einem anderen groß und breit diskutierten Punkt: der Transferpolitik von RB Leipzig. Selbst spricht der Verein davon, besonders auf Nachwuchsförderung zu setzen und „organisch und bescheiden zu wachsen“. Auf der einen Seite ist das sicher nicht ganz falsch, RB hat in Leipzig ein großes und modernes Nachwuchsförderungszentrum aufgebaut und verpflichtet viele junge Spieler. Allerdings beklagen sich aber auch seit Jahren andere Vereine über die Methoden, mit denen RBL junge Spieler anwirbt und sie mit viel Geld zu sich lockt. Außerdem hat der Verein auf der anderen Seite in den letzten Jahren immer deutlich mehr für Transfers aus. Bereits in der Saison 2013/14 investierte RB Leipzig als Drittligist knapp 2,9 Mio. € in neue Spieler. Aller anderen Vereine in der Liga kamen in diesem Jahr auch nur ansatzweise an einen siebenstelligen Betrag heran. Mit dem Aufstieg in Liga zwei kam es zu einer Explosion der Ausgaben. Man investiert 2014/15 ca. 23 Mio. und nach dem verpassten Aufstieg im vergangenen Jahr nochmals 26,1 Mio. Ralf Rangnick sprach in einem Interview davon, dass Vereine mit einem Investor wie Red Bull lediglich einen „Startvorteil“ hätten und später ja durch die Einnahmen aus Spielerverkäufen Geld generieren würden. Die Einnahmen aus Transfers in den beiden zuvor angesprochenen Jahren betrugen allerdings gerade mal knapp 2 Mio. €. Nach dem Aufstieg dieses Jahr investierte man nochmal 50 Mio. in Spieler – ungefähr zehnmal so viel wie die Lilien und die Eintracht zusammen.

Neben den hohen Ausgaben, die RB Leipzig quasi ohne einen Gegenwert von Einnahmen tätigen kann, wird auch immer wieder das Transferieren von Spielern zwischen RB Leipzig und RB Salzburg kritisiert. Seit 2011/12 holte man zwölf Spieler aus Salzburg, zum größten Teil als Leihe oder ablösefrei. Daraus entsteht der Vorwurf, dass beide Vereine sich Spieler hin- und herschieben, man seinen eigenen Transfermarkt schafft und Leipzig sozusagen zwei Kader hat. Mittlerweile ist man darüber aber auch in Salzburg sehr verärgert, da die besseren Spieler immer nach Leipzig geholt werden und man den österreichischen Klub vernachlässigt.

Der größte Vorwurf, den die Gegner RB Leipzig machen ist aber sicherlich der, ein nur zum Zweck des Marketings gegründeter Verein zu sein. Es gibt weltweit nur drei große Marken, die mehr Geld für Sportmarketing ausgeben als Red Bull. Allerdings verfolgt Red Bull dabei einen ganz eigenen Ansatz. Im Gegensatz zu anderen großen Unternehmen macht man nicht nur mit schon bestehenden Teams oder Wettbewerben Werbung, sondern man gründet eigene Vereine oder schafft neue Wettbewerbe, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Sicher geht es heutzutage im Profifußball überall zu großen Teilen um Geld und Profit und auch um Ziele von Sponsoren, aber dennoch steht es in der Diskussion bei keinem anderen Verein so in Frage, dass das höchste Ziel der sportliche Erfolg ist. Hier stellt RBL eine Ausnahme dar. Der Vorwurf ist, dass es bei RB nur um Marketing und Verkauf eines Produkts geht und die Gründung eben nicht aus sportlichen sondern rein aus unternehmerischen Zwecken erfolgte.

Das wird etwa auch am Namen und am Erscheinungsbild des Vereins deutlich. Zum einen finden sich im Logo, im Stadion und auf Fanartikeln die „Roten Bullen“ aus dem Logo des Unternehmens selbst. Zum anderen der künstliche Name. Da die Benennung eines Vereins nach Unternehmen oder Produkten usw. zu Werbezwecken ja bekannterweise verboten ist, schaffte man in Leipzig die Hilfsbezeichnung „Rasenballsport“ – ein Wort, das man zuvor noch nie irgendwo gehört hat und das doch ziemlich unnatürlich klingt, sich aber mit den Unternehmensinitialen RB abkürzen lässt. Verein und Befürworter bestreiten an dieser Stelle natürlich, dass der Name dazu dienen soll und als Hilfsbezeichnung entstanden ist. Da erscheint es jedoch komisch, dass von Vertretern und Seiten des Vereins selbst dieser Name überhaupt nicht gebraucht wird und sich auch (nach Anfrage eines Mitglieds aus unserer Redaktion) im Fanshop keinerlei Produkte mit dieser Bezeichnung finden. Von sich selbst spricht man bloß als „RB“ oder von den „Roten Bullen“, da „Rasenballsport“ zu lang und umständlich sei.

Der größte Teil der Antipathien gegenüber Red Bull rührt sicher daher, dass bei RBL das Gefühl offensichtlich wird, dass das Leistungsprinzip nicht mehr zählt. Es zeigt, dass jeder, der Geld hat, sich beliebig „Leistung“ kaufen kann und damit noch mehr Geld macht und das egal wo. „Die Identität des Ursprungs zählt nicht mehr“ umschreibt ein Kritiker die Problematik. Eben im Ursprung und Zweck unterscheidet sich RB Leipzig von anderen Vereinen, in die ein Investor vielleicht genauso viel Geld pumpt. In allen anderen Fällen steht der sportliche Zweck eindeutig über dem wirtschaftlichen und es ist ein Bezug vom Verein zu seiner Umgebung und seinem Umfeld gegeben. Selbst beim Mäzen-Verein Hoffenheim oder den Werksvereinen aus der Liga ist ein besonderer Bezug zur Region gegeben. Entweder durch die Geschichte oder aber dadurch, dass der Geldgeber selbst aus der Region kommt wie in Hoffenheim und irgendwo doch Umfeld und Entwicklung eigen und einzigartig sind. Im Falle von RB Leipzig ist das alles austauschbar. Das zeigt sich alleine daran, dass es weltweit mehrere RB-Vereine gibt. Einzigartig wird ein Verein auch durch seine Fans und im besten Falle durch die Mitgestaltung und das Wirken dieser. Auch hier stellt sich die Frage, inwiefern dies in Leipzig gegeben ist. Mitbestimmung im Verein selbst durch Fans scheint nicht gewünscht, wie sich an Mitgliederzahlen und Hürden für den Beitritt ablesen lässt.

Der Erfolg von RB Leipzig wirft viele Fragen über die weitere Entwicklung des Fußballs auf, da durch ihn die kommerziellen Tendenzen und die zunehmende Verflechtung von Sport und Wirtschaft besonders deutlich werden. Was passiert mit dem Fußball, wenn es mehr und mehr um Profit geht? Die kritische Auseinandersetzung mit den genannten und noch einigen weiteren Aspekten sollte im Zuge dessen nicht nachlassen.

Autor: Lea Seling

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