Spielbericht: TSV 1860 München – SV Darmstadt 98

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Das Lilien-Fanradio in der großen Fußballwelt!

Kennt Ihr „Per Anhalter durch die Galaxis“? Das Buch? In einem der Teile geht es los mit einer Geschichte über Rob McKenna. Rob ist ein Regengott, obwohl er das nicht weiß. Für ihn ist einfach jeden Tag nur Mistwetter, es regnet andauernd und er ist in der Lage, zwischen 231 verschiedenen Typen von Regen zu unterscheiden. Irgendwie hatten Daniel und ich im Fanradio-Auto auf der A8 das Gefühl, dass vielleicht einer von uns beiden auch so was wie ein Regengott ist – zumindest für diesen einen Tag. Was da runter kam, war unfassbar, so knapp 50 verschiedene Regentypen dürften auch wir gezählt haben…

Mit unserem völlig durchnässten Suzuki Swift kamen wir dennoch heil im „Luftkissenboot“ Allianz Arena an. Schon einige Male auf dem Weg in den Urlaub bin ich an der Fröttmaninger Arena vorbei gefahren, liegt ja auch in Sichtweite zur Autobahn. Wie oft haben meine Gedanken da gesponnen und gedacht: Ob wir hier jemals mit den Lilien spielen werden? In einem der bekanntesten Stadien weltweit, das schon WM-Eröffnungsspiele und Champions-League-Finals gesehen hat? Heute wurde dieses Hirngespinst Realität: Arena-Premiere für unsere 98er! Und wir mit dabei in den Katakomben, wo sich ansonsten die Medienvertreter des großen Fußball-Rummels tummeln…

Das Parkhaus war jedenfalls schon einmal sehr feudal, ebenerdig, aber trotzdem irgendwie UNTER dem Stadion, das ja wie auf Stelzen zu schweben scheint. Fix ergatterten wir unsere Zugangsberechtigung zum Pressebereich und staunten schon einmal nicht schlecht: Der Aufenthaltsraum der Medienvertreter war ungefähr so groß wie unser kompletter VIP-Bereich. Durchquert man diesen Raum kommt man in den Raum für die Pressekonferenzen, der wie ein kleiner Hörsaal angelegt ist, mit sicherlich weit über 100 bequemen Sitzen. Auf dem bestimmt 20 Meter langen Bühnen-Tisch waren bereits die Plätze für nach dem Spiel vorbereitet, die vielleicht insgesamt 2 Meter des Tischs in Anspruch nahmen. Sah irgendwie drollig aus… Aber klar, wenn auch der „andere“ Münchner Verein hier seine PKs abhält, sitzen da auch vielleicht mal ein paar mehr Leute vorne und im Auditorium… Nett auch der mit LCD-Monitoren ausgestattete Hintergrund mit einem Bild eines echten brüllenden Löwen, das per Klick in eine Werbewand, wie man sie aus Interviews kennt, verwandelt werden konnte. Naja… Die blau-weiße Lilie auf grünem Feld erobert nun tatsächlich die große Fußballwelt…

Nun besannen wir uns aber auf den Auftrag, die Jungs bei ihrem Eroberungszug zu begleiten und das Geschehen und die Atmosphäre für unsere Hörer zu übertragen. Nach einer kurzen Stärkung suchten wir uns den Weg auf die Pressetribüne. Raus aus dem Presseraum, links abgebogen, Treppe runter, vorbei an den Sky-Innenstudios, Treppe hoch, vorbei am großzügig dimensionierten Sanitärbereich, ein paar Aufpasser von unserer pressemäßigen Wichtigkeit überzeugt – und da waren wir. Beste Sicht und weit genug vom Spielfeld entfernt, dass das Gekübel aus dem Münchner Himmelgrau uns und der Technik nichts anhaben konnte. Der Aufbau ging dank Daniels schickem neuem All-in-one-Fanradio-Koffer sehr fix. Sicherlich gut 2.000 Lilien bevölkerten schon knapp eine Stunde vor Spielbeginn den Gästeblock, aber auch im Rund gab es einige lilienblaue Kleidungsstücke zu erspähen. Einige Sechzger schienen schon Bammel zu haben, dass das heute ein gefühltes Auswärtsspiel werden könnte…

Erster Höhepunkt: Das Warmmachen der 60er. Warum denn das, das sind doch die anderen…? Naja, klar, Yannick… Tausendfache Sympathiebekundungen schallten aus dem Gästeblock durch die Arena, Yannick freute sich sichtlich und winkte fröhlich seinen sportlichen Gegnern zu. Der eine oder andere Mitspieler fand das gar nicht so prickelnd… Der Löwenanhang reagierte allerdings bei der Durchsage der Aufstellung später relativ gelassen und nahm den ersten Startelfeinsatz ihrer Nr. 29 ziemlich emotionslos zur Kenntnis.

Der Anpfiff rückte näher, die Lilien wurden von den Fans herzlich begrüßt und nach dem Warmmachen zum Umziehen verabschiedet. Wir waren inzwischen auf Sendung und versuchten die Daheimgebliebenen hautnah mit Infos zu versorgen. Roger hatte sich als zweiter Kommentator zu uns gesellt, er war noch bei keiner Auswärts-Niederlage am Mikro und wir hofften, dass das so bleiben würde… Obwohl knapp 20.000 Leute im Stadion waren, wirkte die Arena dennoch in vielen Bereichen merkwürdig leer, da hatte es der kompakte Gästeblock nicht so schwer, akustisch Akzente zu setzen, guter und leidenschaftlicher Support der Lilien-Anhänger – auch ohne Megafon…

Mit Leidenschaft spielten auch unsere Jungs. Nachdem in den ersten Minuten – ausgerechnet – Yannick die erste große Chance hatte, legten die Jungs den vielleicht vorhandenen Arena-Respekt ab und spielten munter nach vorne. Die Belohnung für den couragierten Auftritt folgte dann nach einer halben Stunde – Heller lässt die Abwehr stehen, passt in die Mitte, und unser „Langer“ muss nur noch einnetzen… Hochverdient und der Gästeblock am Explodieren, ebenso wie wir Fanradio-Kommentatoren. Es ist ja auswärts immer so eine Sache, wenn man mitten im gegnerischen Pressebereich eine starke emotionale Äußerung abgibt, die die Nebenleute so gar nicht teilen wollen… Ich kann mich da an Fußtritte in Offenbach und viele böse Blicke in Erfurt, Rostock oder Münster erinnern… Hier ging es aber, unser Ausbruch wurde vielmehr mit einem leidvollen Kollektiv-Stöhnen der 60er-Kollegen bedacht… Geht das denn schon wieder los? Entsprechend war dann das Pfeifkonzert zur Halbzeitpause…

Gut gelaunt gingen auch wir in die kurze Reportage-Pause und es begann auch gut im 2. Durchgang für die Lilien. Heller überrannte mal wieder alle Gegenspieler, nur der Pass in die Mitte fand keinen Abnehmer. Als ich noch so für mich dachte, die Lilien spielen hier so gut, 60 gelingt eigentlich nichts, wir müssen jetzt noch das Zweite machen, dann ist Ruhe im Karton, tanzte der immer stärker werdende Leonardo seinen Gegenspieler aus, Yannick schoss, geblockt, Kopfball, Schuss… Mist!!! Da war sie, die kalte Dusche aus dem Nichts… 60s Pendant zu unserem DSE stand da blank vor Mathenia… Schade… In der Phase im Anschluss taten sich die 98er zunächst etwas schwer, wieder zurück in die Partie zu finden, aber einer Chance von Bobby Wood, die Mathenia ruhig parierte, kam nicht viel Gefahr. Im Gegenteil: Die Lilien übernahmen wieder das Tempo und kamen zu Chancen, aber immer hatte einer der Löwen-Kicker Kopf, Fuß oder Hand dazwischen. Sirigu und Heller (letzterer hatte sich bei einem 3-gegen-1-Konter verletzt, als ihn Yannick in höchster Not professionell ummähte…) mussten angeschlagen runter, Exslager kam für Toni. Der sorgte nochmal ziemlich für Betrieb, aber am Ende blieb es beim 1:1, das für die Lilien hochverdient war.

Nach dem Abpfiff packten wir schnell unsere Sachen zusammen, flugs in den Presse-Hörsaal, während die Lilienfans die Mannschaft gebührend feierten. Daniel schnibbelte die wichtigsten Szenen aus dem Spiel zum Nachhören zusammen, während SV98-Vorstände, Pressevertreter und sonstige Leute der 98er-Entourage, die sich im Presseraum versammelt hatten, die Kurz-Zusammenfassung bei Sky anschauten, die schon quasi 10 Minuten nach Abpfiff über die Kanäle lief. Kurz darauf kamen die beiden Trainer und die Mediensprecherin an den Riesentisch auf dem Podium. Daniel nahm die Statements auf, eine Nachfrage, dann war der offizielle Teil beendet. Stille breitete sich im Presseraum aus, Fotografen bearbeiteten ihre Bilder, Redakteure editierten ihre Texte und luden in kürzester Zeit ihre Berichte auf die diversen Internetseiten hoch. Nach und nach leerte sich der Raum, am Ende waren nur noch ein paar versprengte Darmstädter im Raum, die kaum 90 Minuten nach Abpfiff von freundlichem Münchner Arena-Personal darauf aufmerksam gemacht wurden, dass „hier in 5 Minuten geschlossen“ wird… Ist ja nachvollziehbar, dass die Sechzger nicht mehr Miete als nötig zahlen wollen…

Während die anderen sich langsam fertig machten, schlich ich mich nochmal zum Fotografen-Ausgang, der direkt auf den Rasen führt. Eine nette Rasenbewacherin erklärte mir, dass der Rasen ganz neu geliefert worden sei und jetzt nochmal gleich gemäht werden würde. Aha! Die anderen waren dann endlich fertig… Schließlich plünderten wir noch einen vorbeirollenden Trolley mit belegten Brötchen und liefen zu unserem noch immer triefenden Kleinwagen zurück… Im Gepäck nicht nur unsere Fanradio-Technik, sondern auch einen weiteren gehamsterten Punkt…

20 Minuten später ließen mich Daniel und Tom, der jetzt bei uns mitfuhr, am Münchner Hauptbahnhof raus. Wenn man in Essen wohnt, ist der ICE dann doch die schnellste Variante, wobei man ja laut Edmund Stoiber vom Münchner Hauptbahnhof in 10 Minuten… in Europa… hä, wie war das nochmal…? Unterwegs im Zug rief mich mein Cousin aus dem Lilienexpress an, wahrscheinlich hab ich da die Party des Jahres verpasst… Daniel und Tom hatten wohl weniger Glück mit der A8-Vollsperrung… Bestimmt ist Daniel übrigens der Regengott – denn als ich bei Stuttgart aus dem Zugfenster guckte, stellte ich überrascht fest: Die Sonne scheint!!!

Fazit: Es macht natürlich sehr viel mehr Spaß, mit den Lilien die große Fußballwelt zu erobern als wie noch vor Kurzem über die Dörfer zu tingeln… Ich hätte nichts dagegen, nächstes Jahr da wieder mit den Lilien hinfahren zu dürfen… Egal, ob das Stadion dann blau oder rot angestrahlt ist… Bis dahin sage ich – frei nach Douglas Adams: Macht’s gut – und danke für den Punkt!

Markus Sotirianos

1 Kommentar

  1. Trotz „Sauwetter“ ein wirklich interessanter Blick hinter die Kulissen – mit viel „Lilienherz“ und einem angemessenen Selbstvertrauen geschrieben -> rundet den Besuch bei den „Münchner Löwen“ ab – wir kommen alle gerne wieder +++

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