Fußballfans gegen Homophobie: Travestie „Die Herren Damen lassen bitten“

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Als Vorbereitung auf den Christopher Street Day in Darmstadt hatte Fufa-Fotografin Nicole ein Shooting mit den Künstlerinnen der Travestie-Gruppe „Die Herren Damen lassen bitten“: Crystal Blueeye, Dolly Dornfelder und Lady Tamara Devil. Jana traf währenddessen Manager Bastian zum Gespräch.

Fufa: Hallo Bastian. Kannst du unseren Lesern erstmal kurz erklären, wer ihr eigentlich seid?

Bastian: „Die Herren Damen lassen bitten“ sind mein Partner, die Crystal, wir wohnen beide in Weiterstadt; die Dolly, die aus Lorsch kommt und unsere Tamara. Sie wohnt im Saarland.

Durch die Zusammenarbeit der verschiedensten Künstler hat sich die Formation jetzt so ergeben. Wir arbeiten seit gut sechs Jahren zusammen. Es gab auch Veränderungen – es kamen Leute dazu, es gingen Leute weg. Das ist eine Dynamik, wie es in jeder anderen Gruppe.

Was ist eigentlich Travestie genau und… sind alle Künstler auch tatsächlich homosexuell?

Sagen wir mal so: die meisten sind es. Es gibt in der Szene auch einige, die „normal“ – also normal in Anführungsstrichen – mit einer Frau verheiratet sind. Man überzeichnet dabei ja auch die Frauenrolle ein bisschen, ohne sie zu beleidigen oder zu diskreditieren, das wollen wir nicht, aber man will die Frau schon glanzvoll darstellen.

Wenn ihr hier in der Umgebung lebt, habt ihr mit Darmstadt 98 schon irgendwas zu tun gehabt?

Indirekt. Man verfolgt natürlich, was der Verein macht, man verfolgt seinen Aufstieg, jetzt wieder die Rückkehr in die Zweite Bundesliga. Man verfolgt das schon, der eine stärker, der andere weniger stark – weil sich die Interessen eher in andere Richtungen bewegen. Ich beobachte das schon.

Aber im Stadion noch nicht?

Nein, im Stadion selber noch nicht. Heute das erste Mal. Das war schon eine Ehre! Ich bin auch kein Darmstädter, ich bin nicht mal Hesse. Ich komm eigentlich aus Franken und als ich dann hierher kam, habe ich über fünf Ecken mitbekommen, dass es hier ein Stadion gibt und auch Fußball gespielt wird. Natürlich, den kometenhaften Aufstieg, diesen Durchmarsch der Lilien in die Erste Bundesliga – dem konnte man sich eigentlich nicht entziehen, wenn man hier arbeitet und sich eingelebt hat. Weil das so euphorisch und so echt war, weil es nicht durch den starken Kommerz geprägt ist.  Deswegen hab ich Sympathien zum Verein.

Habt ihr das schon erlebt, dass der Schiri nach einer Fehlentscheidung als „schwule Sau“ oder ein Fehlpass als „schwuler Ball“ beschimpft wird? Wie fühlt es sich für euch an?

Natürlich bekommt man das mit. Die Leute versuchen, mit diesen Bezeichnungen eine Verweichlichung zu erreichen. Und da hat sich eben diese Bezeichnung soweit manifestiert und dadurch auch Einzug in andere Bereiche des Lebens gehalten, etwa auf die Schulhöfe, so dass es mittlerweile eine starke und dominante Beleidigung geworden ist. Gerade für die, die in der Findungsphase sind und sich eventuell in diese Richtung bewegen, wirkt es stark verletzend.

Gerade im Männerfußball wird Homosexualität eher totgeschwiegen und tabuisiert. Im Frauenfußball scheint es eine andere Rolle zu spielen, unsere Bundestrainerin Steffi Jones z.B. ist offen lesbisch. Hast du eine Erklärung dafür?

Die Antwort liegt auf der Hand, es ist ein sehr stark männerdominierter Sport. Die Manager, die Spieler als auch die Geldgeber sind hauptsächlich Männer und auch die Fans sind hauptsächlich Männer. Man will sich eventuell durch diese Tabuisierung auch ein bisschen davon distanzieren oder, besser gesagt, die Fans nicht verprellen.

Den Bogen zu Frauenfußball zu spannen ist hier extrem schwierig, weil der Männer- mit dem Frauenfußball in meinen Augen überhaupt nicht vergleichbar ist. Das hat man jetzt gerade erst an der EM der Frauen gesehen. Die Nachrichten, sei es jetzt, ob Spiele anstanden oder ob sie gewonnen oder verloren wurden, wurden durch die Medien eher als Randmeldung behandelt, was man von großen Turnieren der männlichen Kollegen nicht sagen kann. Da hängt ein ganz anderer Kommerz dran, das spürt man da einfach. Und es wird, glaub ich, noch sehr, sehr lange dauern, bis der Frauenfußball eine annähernd ähnliche Position hat wie der Männerfußball.

Und dass Steffi Jones hier ganz frei leben kann, liegt womöglich auch an dieser nicht so starken medialen Präsenz. Deswegen kann man die Menschen eher so sein lassen wie sie sind.

Habt ihr von Thomas Hitzlspergers Coming Out gehört? Glaubt ihr, dass sich dadurch etwas im Fußball verändert oder dass man offener mit dem Thema umgehen kann?

Die Szene hat das mitbekommen. Sie hat es sogar aufgesogen wie ein Schwamm. Weil er als Hoffnungsträger gesehen wurde, was er in seiner Rolle nie so richtig verstanden hat und auch nicht so wollte. Er hat auch in einem Interview gesagt, dass er diese „role model“-Funktion eigentlich gar nicht wollte. Er hat eher versucht, durch sein Coming Out anderen Mut zu machen. Es waren starke Hoffnungen – auch in der Szene – daran geknüpft, die wurden bis heute nicht erfüllt. Und ich glaube, dass auch Thomas Hitzlsperger das registriert hat, dass dem so ist.

Und ich glaube, bis es zum ersten offen sexuellen männlichen Fußballer in einer deutschen Profi-Liga kommt, wird das noch etwas dauern. Und wenn es kommt, dann könnte es womöglich eine Art Massen-Coming Out geben, weil sich die Jungs dann eher zusammen tun. Denn es gibt sie! Die ersten werden einen harten Weg haben, aber ich glaube, dass sie dafür belohnt werden und das nicht nur mit Schmähgesängen der Fans.

Habt ihr auf eurer Arbeit schon mal Probleme aufgrund eurer Homosexualität gehabt? Von dir wissen wir, dass du dich bei „PROUT AT WORK“ engagierst, kannst du uns dazu was erzählen?

Ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Auch wenn ich nicht mehr so tief in der Materie drin bin, bin ich immer noch als Experte gefragt. Das Thema nimmt immer größeren Raum ein.

Viele Firmen, egal welcher Couleur, egal welcher Größe, haben das „Diversity Management“ für sich entdeckt – alle Facetten des Diversity Management, unter anderem ist die sexuelle Orientierung ein Thema, dem man sich nicht mehr verschließen kann. Es ist nicht nur „hip“ oder „en vogue“, es ist zukunftsweisend.

Es ist in den Firmen nicht nur ein Hochglanzthema, sondern ein Aspekt, um sich auch international besser aufzustellen, um eine neue Kundenklientel anzusprechen – verbunden mit dem Drahtseilakt, die alte, teilweise auch konservative, Kundschaft zu halten und nicht zu verprellen. Das ist ein schwieriger Gang, gar keine Frage. Mit einer schön gemachten Werbeaktion ist das auch nicht getan. Einige Firmen haben sich da vorgewagt, indem sie sich zum Beispiel in der Szene mit Werbeplakaten und -maßnahmen platziert haben, etwa mit Auftritten auf CSDs.

Firmen, die sich in PROUT AT WORK vereint haben, sind z.B. IBM, die Deutsche Bahn, die Deutsche Post, einige Banken wie die Commerzbank oder die Deutsche Bank, die Deutsche Telekom, SAP – um da nur die größten Player zu benennen.

Es ist insofern wichtig, weil die Diskriminierung auch grade in den großen Unternehmen nicht mehr so offensichtlich ist. Man wird nicht mehr direkt als „schwule Sau“ beschimpft… Die Diskriminierung ist eher still und indirekt: Homosexuelle Kollegen werden gemieden oder es  werden ihnen beispielsweise Informationen vorenthalten. Und diese Diskriminierung läuft eher passiv ab, was sie nicht minder schmerzhaft macht.

Es ist wichtig, die Kollegen, die davon betroffen sind, als auch die, die diese Diskriminierung durchführen, zu sensibilisieren. Auf der einen Seite: Wir lassen euch nicht alleine, wir stehen zu euch. Auf der anderen Seite: Wir dulden das nicht, was ihr macht und wir bestrafen euch auch dafür, lassen auch arbeitsdisziplinarische Maßnahmen anlaufen, wenn wir erfahren, dass eure Aktivitäten andere Mitarbeiter, Kunden oder Kollegen schmähen. Das erzeugt teilweise ungeahnte Wirkung. Denn wenn eine solche Diskriminierung entsprechend extern bekannt wird, kann das Unternehmen fundamentalen Schaden nehmen.

Habt ihr im Laufe eures Lebens bereits eine Veränderung in der Gesellschaft wahrgenommen?

Die Veränderung ist da, sie ist schleichend gekommen. Und man bekommt natürlich mit, dass die Gesellschaft sich diesen Themen langsam nähert. Mit der Prämisse, das auch sensibel anzugehen. Also es gibt, für mich persönlich Negativ-Beispiele, wie man es nicht hätte machen dürfen. Frankreich als Beispiel hat die „Ehe für alle“, wie sie bei uns heißt, sehr schnell und auch gegen gewisse Widerstände durchgesetzt, weil es einfach ein Wahlkampfthema.  Das hat sogar die Befürworter verprellt und die Leute auf die Straßen getrieben und somit dem Thema geschadet. Hier war man ein bisschen sensibler. Dass wir die „Ehe für Alle“ haben, ist teilweise auch politik-taktischen Gründen geschuldet, weil wir jetzt im September einen neuen Bundestag wählen. Ob das Ganze auch der Sensibilisierung oder der Liberalisierung der Gesellschaft zuträglich ist, das muss die Zukunft sehen.

Aber theoretisch wäre es doch viel einfacher, wenn die sexuelle Identität nicht so im Vordergrund stehen würde, man nicht zwischen „normal“ und „unnormal“ unterscheiden würde und Menschen sich nicht rechtfertigen müssten?

Viele vergessen einfach, dass auch heterosexuelle Menschen eine sexuelle Orientierung haben, welche sie rund um die Uhr mit sich herumtragen und deren Handeln und Entscheidungen prägt. Weil wir alle nicht in der Lage sind – egal ob heterosexuelle, homosexuelle, intersexuelle, transsexuelle oder welche Facette wir ansprechen – unsere sexuelle Identität auszublenden. Wir können, um das Arbeitsleben jetzt mal als Beispiel herzunehmen, unsere sexuelle Identität nicht an der Stechuhr ablegen. Jede Entscheidung wird beeinflusst, ob es die einfachsten Entscheidungen sind bis hin zu fundamental wichtigen Entscheidungen in einer Unternehmensspitze. Das darf man nicht vergessen, auch wenn Wissenschaftler zunächst die Heteronormativität als Basis hernehmen, um gewisse Entwicklungen zu erklären.

Was mir wichtig wäre, ist, dem ganzen Thema die Schärfe zu nehmen. Die Themen rund um die sexuelle Identität sind, wenn sie auf der Agenda stehen, ziemlich aufgeladen und das muss meines Erachtens gar nicht sein, ob das im Berufsleben ist, im Privatleben, oder eben auch im Sport ist – auch im Spitzensport. Viel besser wäre natürlich, wenn die sexuelle Identität gar kein Thema mehr wäre.

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