Von Dichtung, Wahrheit und so ner Art „Stockholm Syndrom“

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Stock… waaas? Ist das nicht, wenn sich Opfer von Entführungen mit den Entführern solidarisieren, oder sowas? Ja, und was hat das jetzt genau mit Fußball zu tun?

Ja, nein, eine ganze Menge.

Es geht natürlich mal wieder um Fußball. Und um Solidarität. „20 JAHRE GEFANGENE DES BÖLLENFALLTORS“ so strahlte es uns von diesem Banner entgegen, welches beim Heimspiel gegen Fürth am Zaun vor der Gegengerade hing, sich seitdem vermutlich mehrfach in sozialen Netzwerken verbreitete und wohl auch über andere Kanäle von Auge zu Auge ging.

Das Banner, welches auf sympathische Art und Weise verkündete, dass da wer seit 20 Jahren als Fanclub unterwegs ist, wie es dazu kam und einige andere Dinge, die den Damen und Herren wichtig sind.

Lest selbst:

Wu: Hmmm, wirklich einleiten brauch ich ja jetzt eigentlich nichts mehr…

Mi: Aja, so wie ich dich kenn – denkst du dir dann eh einfach was aus…

Al: Genau, deshalb bekommst du hier als Inspirationskrücke einfach nochmal ein komplettes Set (schiebt dem Redakteur ganz offensichtlich eine Sammlung alter „BRUTAL“ [jahrelanges Kampf- und Propaganda-Blatt mit hohem investigativ-journalistischen Anspruch aus den Reihen des FFA] über den Tisch).

Wu: Ja, ähhh, also da sind wir ja schon mittendrin! Wie ihr seht, bin ich

Al: … völlig unvorbereitet. Der hat ja nicht mal was zum Mitschneiden.

Mi: Ei sag ich doch, der denkt sich das alles hier nur aus!!!

Ho: Vielleicht kannst du ja mal erzählen, was du hier so machst, wer bist du überhaupt.

Wu: Stopp, Stopp, Stopp – So ja mal nicht, ich mach ja wenig, aber wenn Interview, dann nur zu besonderen Anlässen – und heute ist so einer! Stellt euch doch mal bitte kurz vor (Zack Zack jetzt – wir ham´ hier fast ne Seite ohne das die LeserInnen wissen, was der Quatsch soll und wer ihr seid).

Ho: Ja, ich bin Holger und kann nicht von mir behaupten, Gründungsmitglied des FFA – um den geht’s hier doch, oder – zu sein.

Al: Ja, tatsächlich bin ich an diesem Tisch auch das einzige und generell gibt es nur noch drei bis fünf (bekommt leuchtende Augen, verfällt in träumerische Nostalgie und zählt auf…) von den Gründungsmitgliedern, die noch (oder wieder, wie uns die Aufzählung lehrt) dabei sind.

Ich bin Alonzo, und immer wenn mir langweilig ist, muss ich was machen, also haben wir irgendwann gesagt „komm wir gründen“…

Ho: Aber ich häng gern mit den Leuten ab, weil die sowas wie ne Familie sind/ das Ganze sowas wie Familie ist …

Mi: Soll ich mich da jetzt vorstellen? Also ich war bei der Gründung noch ziemlich klein und bin dann etwas …

Al: …ein Jahr nach dem du ziemlich klein warst.

Wu: Hmmm, ich kenne euch Chaoten ja zum Teil schon recht lange und aus anderen Zusammenhängen, habe Projekte wie das Tischtennis—Turnier selbst erlebt, aber Alonzo, du erwähntest die Langeweile und ich erinnere an alte Bilder von euch beim Fußball – war das bei der Gründung des „FFA“ wirklich so?

Al: Naja, dass wir vorher seit Jahren zusammen beim Fußball waren, kann man so nicht sagen –  ich vielleicht fünf, aber meistens alleine.

Dann kamen irgendwann, nachdem wir 93 abgestiegen sind, noch andere, die „ein bissel anders aussahen als der Rest“ und so fanden wir über Musik und Ähnliches irgendwann zusammen.

Dann gab es die „Lokalmatadore“, den Song „Fußball, Ficken, Alkohol“, wir bekamen ne kleine blau-weiße Fahne geschenkt und auf der Busfahrt nach Nürnberg haben wir die drei Buchstaben drauf gemalt. Tja und seitdem hieß der Zusammenschluss so.

Wu: Steht ihr schon immer auf der Gegengerade, als Fanclub oder…

Al: Direkt nach dem Abstieg 93 war ich auch mal im F, aber als Fanclub waren wir schon immer da, wo wir jetzt sind.

Wu: Holger, du erwähntest diese Freundeskreis-Geschichte, Michi, war das bei euch beiden so?

Mi: Ja, ursprünglich hat mich der Papa mitgeschleppt, aber Paddy kenn ich auch schon mein Leben lang – und irgendwann stand ich dann bei denen oben.

Ho: Ja, ich war ja schon ab und an unregelmäßig mit Freunden da, aber das ist ja, was ich meine – das waren Freunde, Freunde von Freunden, da war der A.J, und dann wurden Freunde von Freunden zu eigenen Freunden. Diese Sache mit Wellenlänge und Sympathie …

Wu: Stichwort Projekte, ihr seid ja nicht nur beim Fußball anzutreffen – Ist das das, was euch als Fanclub auch so ein bissel ausmacht und euch den Charakter gibt?

Al: Vielleicht ist das das, was Holger auch mit Familie meint, seine Familie sieht man ja auch nicht nur beim Abendessen und wir sehen eben auch zu, dass wir sonst viel zusammen machen, solange es die Zeit uns erlaubt.

Ho: Ja, an das Gammelparadies oder den Bessunger Forst kann ich mich sehr gut erinnern … (auch er bekommt diesen an anderer Stelle erwähnten Blick)

Mi: Ja, das kann man doch aus beiden Richtungen sehen. Wir hätten uns vermutlich auch ohne Fußball kennen gelernt, die Leute aus der Szene, die eben zum Fußball gehen, oder die vom Fußball, die in der Szene zusammen unterwegs sind.

Wu: (bekommt jetzt selbst leuchtende Augen) Ja, wenn man so zu euch hochschaut auf den „Zeckenhügel“, da stehen die S.H.A.R.P.s, da steht ihr als „FFA“, da stehen andere, die scheinbar ähnlich denken und eben unter anderem auch politisches Denken oder Hirn generell nicht am Eingang mit dem  Hocker (sperriger Gegenstand und somit laut Stadionordnung im Stadion…) abgeben. Ist das auch gemeint, es sucht sich nicht, aber findet sich…

Al: Es macht in jedem Fall Sinn, man will ja auch keine Nazas oder ähnliche Dödel um sich und so finden sich eben die, die das auch so sehen…

Im Fall von S.H.A.R.P gibt es ja auch personelle Überschneidungen

Ho: Aber wir schotten uns ja nicht ab, wollen uns nicht abgrenzen – es ist eben ein „positiver Zufall“.

Mi: Ja, das kommt von automatisch, auch über die Masse.

Ho: Was ich bemerkenswert finde, ist, dass die Gegengerade generell ein sehr heterogener Ort ist und da wahrnehmbar seit den Aufstiegen in den letzten drei, vier Jahren immer mehr gemischtes Publikum zu kam, wo jedEr aber auch so den eigenen Platz findet.

Al: Ich finde schon bis die Skins und Carsi dazukam, wirkten wir auf Neue etwas abschreckend, da kamen vielleicht auch mal Punkers; die uns ganz cool fanden und wir waren von uns aus eher unnahbar…

Wu: Ihr seid ja auch kein „klassischer Fanclub“ mit offenem Mitgliedersystem:

Irgendwie alle: Ja, Ja, ganz früher gab es das mal, dass der Holger, weil er ja noch … aber das wollte der ja auch selbst.

Ja klar, es ist schon so, da wo du dich wohlfühlst, aber nix mit Liste, Beitrag, etc.

Wu: (eigentlich waren wir an der Stelle zum ersten Mal fertig, zumindest dachte ich, mir fallen keine Fragen mehr ein.) Ihr habt ja vorhin selbst erwähnt, dass gerade in den letzten Jahren einige alte Bekannte aus anderen Ecken, wie die „Ex-FREAKS“, dazukamen, aber auch neue Leute.

Michi, Holger, ihr wart auf Grund eurer Tätigkeit für das Fanprojekt selbst einige Jahre nicht „da oben“, wie war das danach?

Mi: Das war richtig geil, nach über vier Jahren, in denen ich quasi privat nicht beim Fussi war, war das wie heim kommen.

Ohne diese Verantwortung, wieder du sein beim Fußball – das war richtig geil!!!

Ho: Ja, ganz ehrlich, das war schon gut, dieses Ding „du stehst jetzt bei deinen Freunden, hast ne Dauerkarte, bist privat da und alles …

Wu: Vor einigen Fragen (Stunden…) wurde im Hinblick auf zusammen stehen auch das Stichwort „komische Leute“ angerissen. Mal angenommen, es kommt da jemand … – gewisse Dinge, gerade auch in politischer Hinsicht sind ja mit euch nicht möglich.

Gibt es da dann ne Ansage, oder auch mal mehr?

Al: Es ist schon lange her, dass ich mal körperlich werden musste, weil jemand die ganze Zeit Affenlaute gemacht hat, aber wenn halt jemand meint, er muss da solche Laute machen oder ähnliches, dann gibt’s halt auch mal en Schubser oder mehr.

Bei manchen reicht aber auch ein böser Blick.

Es gab auch schon Leute, die reflektiert haben und nachher kamen und sich entschuldigt haben.

Aber klar beobachten wir das und nehmen wahr, dass da irgendwie mehr da sind. Man fragt sich dann auch schon, wie man damit umgeht, dass z.B. Politiker der AfD Bilder aus dem Bölle posten …

Wu: Habt ihr das Gefühl, dass das mehr wird, und woran liegt das eurer Meinung nach?

Mi: Du kriegst halt einzelne Situationen nicht mehr so mit – bei 2000, wenn da einer bspw. nen verbotenen Gruß macht, ein Shirt mit rechter Botschaft trägt, dumme Sprüche macht, etc fiel das eher auf als jetzt wo 12000 mehr da sind.

Al: Ich denke schon, dass der Anteil höher geworden ist, und da auch der gesellschaftliche Rechtsruck seinen Beitrag leistet.

Weil eben auch generell Sprüche, die vielleicht noch nicht extrem, aber für uns klar zu verorten sind, einfach populär wurden und dadurch ins Bürgerliche gerutscht sind.

Ho: Ich glaube, dass wir durch das kleine Stadion und die vielen durch DK geblockten Plätze da eher noch so eine Art „Schutzraum“ haben, wo weniger dieser Leute von außen kommen. Befürchte aber, bzw. glaube, dass wenn mehr Tickets auf dem freien Markt zugänglich wären, auch mehr solcher Leute kommen und auffallen würden.

Es gibt ja auch genug negative Beispiele aus anderen Fanszenen, wo das ja eben passierte, dass dann auch mehr Leute mit rechtem Gedankengut kamen, die auch körperlich überlegen waren und dann eben auch die Möglichkeit hatten sieh da zusammen zu stellen.

Bei uns gibt es ja schon noch einen gewissen Konsens.

Mi: Klar, je mehr Leute da sind, desto mehr Idioten sind auch da, aber bei uns hält sich das echt noch in Grenzen, nur darf man sich darauf eben nicht ausruhen…

Wu: Aber der Sprachgebrauch, ich hab so das Gefühl, jedEr zweite hat ne spastische Lähmung, ist körperlich oder geistig beeinträchtigt, und scheinbar orientieren sich alle und auch Situationen und Gegenstände nur noch gleichgeschlechtlich… – zumindest wenn man manchen Leuten so zuhört.

Mi: Das war in meiner Wahrnehmung früher viel schlimmer, oder?

Unser Glück ist aber auch, dass unsere „Alten“ auch einen gewissen Konsens haben – zumindest was die eher klare Kante gegen Nazis und Rassisten betrifft.

Al: Ja, ich hatte vor zwei Jahren mal ne Szene, wo verbale Äußerungen eines Anderen mich so nervten, dass ich was dazu gesagt habe, aber sein Umfeld das nicht nachvollziehen konnte, was dann beinahe mit einer körperlichen Auseinandersetzung endete. Aber es geht für mich eben gar nicht, wenn Menschen die komplette Zeit beispielsweise als „Fotze“ beleidigt werden.

Es gab da auch Frauen, die nicht verstanden, warum ich mich über den Begriff so aufgeregt habe.

Wu: Gegen Ende kommen wir dann zum eigentlichen Grund und auch so ein bissel dem Aufhänger für dieses Interview – ZWANZIG JAHRE FFA!

Zu eurem „hundertjährigen“ gab es die Aufkleber, und nu?

Al: Wir haben keine Aufkleber mehr, stapeln aber wieder tief, es ist tatsächlich das zwanzigjährige und wir gehen weg von der zweihundert, um auch ernst genommen zu werden.

Aber nein, es wird kein Turnier geben. Wir spielen kein Fussi mehr.

Ho: Ja, wir bzw. Alonzo, hat das ja super vermarktet und benannt, was dieses Jahr schon alles war

  • Hosen Konzert
  • Brutal, Sonderauflage
  • Fanclub-Grillen mit Fabi Holland

Mi: Ich glaube dem Wuschel muss keiner erzählen wie das ist, wenn die Arbeit an drei, vier Leuten hängt.

Wu: Es gibt ja auch Dinge, die man von außen weniger wahrnimmt…

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